Kurzgeschichte

von Lothar Wallmann

Erdbeereis mit zwei Löffeln von © Alija-Maria Weise

Seit Jahrzehnten hat die ARS HN zu Michael G. Fritz, einem bekannten Schriftsteller, der in Berlin und Dresden lebt, einen sehr guten Kontakt. Bei seinen ARS-Besuchen in Heilbronn bietet er auch immer literatur- und schreibinteressierten Schülern an, von ihnen erstellte Entwürfe mit Optimierungsvorschlägen zu versehen. Aus der Zusammenarbeit in der letzten Schreibwerkstatt 2026 entstand die folgende Kurzgeschichte von Alija-Maria Weise, die wir unseren Homepage-Besuchern gerne präsentieren.

Erdbeereis mit zwei Löffeln  von © Alija-Maria Weise  
Die Tür knallte mit einem lauten Krachen zu.  Das war ich.  Ich hatte sie mit voller Wucht zugeschlagen. Für einen kurzen Moment bereute ich es, doch dann fiel mir wieder ein, warum ich überhaupt so wütend war, und das Gefühl verschwand sofort.  Beim Abendessen hatte ich meine kleine Schwester Anna in meinem brandneuen T-Shirt gesehen. Mein T-Shirt.  In mir hatte es sofort gekocht. Ich war lange geduldig gewesen. Viel zu lange.  Aber auch ich hatte eine Grenze.  „Sonst war es doch auch immer okay für dich“, hatte Anna gesagt und dabei genervt die Augen gerollt.  „Nein, war es nicht!“ war es aus mir herausgeplatzt. „Ich habe es nur jedes Mal so hingenommen!“  Schlagartig wurde es still. Niemand wagte mehr, etwas zu sagen.  Anna hatte mich angesehen, ihre hellen Augen weit geöffnet – verwirrt, überrascht, vielleicht auch ein bisschen verletzt.  Ich hielt ihrem Blick nicht stand.  
Stattdessen war ich aufgestanden und in mein Zimmer gestürmt.  Ich ließ mich auf mein Bett fallen und starrte an die Decke.  In mir brodelte es noch immer.  „Sie versteht es einfach nicht“, murmelte ich vor mich hin.  Ich versank in Erinnerungen. Alles war verschwommen, nur eine konnte ich ganz klar erkennen. Wie immer.  Die Sonne schien mir ins Gesicht.  Neben mir saß Anna.  Zwischen uns ein riesiger Becher Erdbeereis, der viel zu schnell schmolz.  „Schneller!“ rief Anna lachend.  Wir versuchten beide gleichzeitig, das schmelzende Eis zu retten, stolperten mit unseren Löffeln durcheinander und mussten lachen, obwohl uns schon der Kopf vor Kälte schmerzte.  Unsere Finger klebten, unsere Nasen waren kalt, aber das war uns egal.  In diesem Moment gab es nur uns.  
Anna, mich und dieses viel zu süße Erdbeereis.  „Seid ihr Zwillinge?“  Diese Frage hatten wir so oft gehört. Immer wieder.  Dabei sahen wir uns eigentlich gar nicht so ähnlich.  Anna mit ihren hellen Haaren, die ihr ins Gesicht fielen, und ihren klaren, hellen Augen.  Ich mit meinen dunkleren Haaren und Augen, die eher ruhig wirken.  Auch körperlich war sie mir deutlich überlegen, obwohl sie jünger ist als ich. Und trotzdem hatten uns die Leute gefragt.  Vielleicht lag es nicht am Aussehen.  
Vielleicht lag es daran, wie wir nebeneinander standen. Wie wir lachten. Wie wir waren.  Ich blinzelte und starrte wieder an meine Zimmerdecke.  Früher hatte ich alles mit Anna geteilt.  Alles.  Warum also störte es mich jetzt so sehr?  Die Antwort kam plötzlich.  Weil sie sich einfach nahm, was sie wollte.  Sie sagte, was sie dachte. Ohne Zögern, ohne Angst.  Ich allerdings schluckte alles runter.  Wollte es allen recht machen. Wollte keinen Streit.  Vielleicht war ich gar nicht nur wütend auf sie.  Vielleicht war ich auch ein bisschen neidisch.  Und vielleicht sah Anna etwas in mir, das ich selbst nicht sehen wollte.  Etwas, das sie sich nahm, weil ich es nie zeigte.  Ein leises Rascheln ließ mich aufhorchen.  
Ich setzte mich hin und blickte zur Tür.  Neugierig ging ich zu meiner Zimmertüre und fand dort einen Zettel.  „Erdbeereis mit zwei Löffeln“.  Ein leichtes Lächeln huschte über mein Gesicht.  Als ich die Tür öffnete, stand Anna davor. Sie wirkte kleiner als sonst, die Schultern leicht hochgezogen, die Hände unsicher ineinander verschränkt.  Für einen Moment sagte keiner von uns etwas.  Dann streckte sie mir wortlos mein T-Shirt entgegen.  Ich nahm es.  Unsere Blicke trafen sich.  Und plötzlich verstand ich, warum die Leute uns früher für Zwillinge gehalten hatten.  Da war etwas in ihrem Blick.  Etwas, das ich kannte.  Ich selbst.